In eigener Sache

Selbstfindung in progress

Wie manche von Euch mitbekommen haben, gab es um einige Richtungsentscheidungen im letzten halben Jahr Auseinandersetzungen und Aufruhr in der Steuergruppe. Einige Steuergruppenmitglieder haben uns verlassen, weil sie keine Chance für die Solawi mehr gesehen haben und/oder verschiedene Schritte im Prozess unter keinen Umständen mitgehen wollten. Es ging unter anderem darum, wie man die Preisverdopplung abmildern kann (und ob man das tun sollte), was man den Solawi-Mitgliedern politisch und ökonomisch zumuten kann, welche Investitionen des Bauern berechtigt sind und welche nicht, und wie wir uns als Arbeitsgruppe strukturieren müssen, um in wackligen Krisenzeiten zu verbindlichen Beschlüssen zu kommen. Wir alle haben dabei einige Federn gelassen. Wichtig ist jedoch klarzustellen: der Konflikt lief nicht entlang der Schnittstelle Bauer/Steuergruppe oder Bauer/Verein, wie oft gemutmaßt wurde, sondern quer durch die Mannschaft der Steuergruppe, entlang von Einzelpositionen.

Aber wir sind auch neu erstarkt. In der Krise kamen neue Personen hinzu, die sich zu denjenigen gesellten, die trotz der schwierigen Faktenlage eine Zukunft für die Solawi finden wollten. Ihr Engagement hat sich mit dem Erfolg der Bieterrunde eingelöst.

Augenblicklich sind wir dabei, uns konzeptionell neu aufzustellen und überflüssige Gremien abzuschütteln. Soviel steht nun fest: Wir arbeiten künftig einerseits als ein gemeinnütziger Verein, der die nachhaltige Entwicklung in Weingarten durch die inhaltliche und organisatorische Unterstützung von kreativen Einzel-Projekten fördert. Andererseits gibt es in der Solawi einen deutlich kleineren Planungskreis rund um den Landwirt, der im Schulterschluss mit den Solawi-Mitgliedern wichtige konzeptionelle Dinge umsetzt. Darin sind aktive Mitglieder des Vereins engagiert, die die Solawi inhaltlich in den regelmäßigen Versammlungen des Vereins vertreten. Die bislang bestehende, informell organisierte Steuergruppe wird im Sinne dieser Klärung aufgelöst.

Auf diese Weise sind Verein und Solawi auf rechtlicher Ebene sauber getrennt, was dringend geschehen musste. Aber sie bleiben auf ideeller und strategischer Ebene eng verbunden – ganz im Sinne des herausragenden gemeinnützigen Vereinsziels „Ernährungssouveränität für Weingarten“.

 

Rekapitulation und Ausblick: Wie kam es zur Neuordnung? Was steht an?

Unsere Initiative ist seit ihrer Gründung im Frühjahr 2014 rasant gewachsen. In der aktuellen Wintersaison konnten wir für die Solawi 120 Leute gewinnen, auf unserem Newsletter sind sogar doppelt so viele Menschen eingetragen. An unseren Aktivitäten hängt ein bäuerlicher Betrieb, der den Einsatz einer Großfamilie und vieler freiwilliger HelferInnen erfordert. Die „Steuergruppe“, das ursprüngliche und bisher einzige Gremium zur aktiven Entwicklung der Solawi und anderer Projekte, wuchs von vier auf zwölf Leute an, alle im Ehrenamt mit unterschiedlichen Zeitkontingenten. Wir gründeten einen gemeinnützigen Verein, um im dörflichen Vereinsleben wahrgenommen zu werden.

Das alles ging sehr schnell. Und musste reibungslos funktionieren, damit der Tanker nicht aus dem Ruder läuft. Wo genau die Trennlinie verläuft zwischen Steuergruppe, Verein, Solawi-Mitgliedern und Solawi war uns stets nicht so wichtig wie die Ebene der Umsetzung und wurde pragmatisch gehandhabt. Das hat sich mit dem ersten Kassensturz und dem darauf folgenden Preisschock deutlich geändert: Wir merkten, dass die Fragen danach, wer eigentlich an welchen Stellen bestimmt, wer wofür Verantwortung übernimmt und wer worin involviert ist, spätestens jetzt ernster genommen werden müssen. Es setzte also neben dem Ringen um eine neue wirtschaftliche Basis für die Solawi auch ein Prozess der Selbstfindung ein, der bis heute anhält.

Mit der Bieterrunde der Solawi ist der Kreis der Solawi-Mitglieder um rund die Hälfte geschrumpft, aber der Sprung in die Wirtschaftlichkeit ist geschafft. Nun kann die Solawi sich als eigenständiger Betrieb entwickeln. Grundsätzlich liegt das Tagesgeschäft jetzt bei Landwirt Mike und seiner Frau Daniela, die alles rund ums Geld und die Verwaltung regelt. Dies ist nicht nur fiskalisch eine grundgesunde und nötige Entwicklung. Sondern wir haben auf diese Weise unter einigen Schmerzen eine „echte“ Solawi geboren, die wirtschaftlich funktioniert und die vorwiegend von ihren Mitgliedern getragen wird.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir jedoch nicht nur die Entwicklung der Solawi vorangetrieben. Sondern wir haben parallel einige weitere Aktivitäten ins Leben gerufen, die unser Ziel einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung in Weingarten zu einem breiter aufgestellten Projekt machen: Koch-Events, das Einmachen von Konserven, ein Jungpflanzenmarkt, Feldbesuche mit SchülerInnen, eine Einkaufs-Coop für Fleisch usw. Diese Dinge möchten wir nach der Pause der letzten Monate wieder aufnehmen. Das Dach dafür bietet der Verein, den wir bereits letztes Frühjahr gegründet haben, zunächst nur, um in der Kommunikation des Weingartener Vereinslebens vorzukommen. Wir wollen den Verein jetzt als unsere operative und strategische Organisationsform umarmen. Wir werden uns hier in Arbeitsgruppen organisieren, die sich um die einzelnen Themen kümmern. Und wir werden unser Themenspektrum nach und nach erweitern. Dabei können alle die das wollen mithelfen, indem sie ein Thema einbringen und eine Arbeitsgruppe gründen – oder indem sie einfach Vereinsmitglieder werden und durch ihren Beitrag unsere Arbeit ermöglichen.

Dies ist, grob skizziert, der Weg mit dem wir uns auch in Zukunft gegenseitig schlauer machen wollen, wie gemeinsames Wirtschaften auf lokaler Basis auch laufen kann: ohne die Ausbeutung von Mensch und natürlichen Ressourcen, solidarisch, gemeinwohlorientiert und auf der Grundlage von berechtigtem gegenseitigen Vertrauen.

 

Mit allerbesten Grüßen

Euer Vereinsvorstand
Wanda Wieczorek und Timo Meisel

 

Und die aktiven Vereinsmitglieder:

Kristine Bentz, Dagmar Glatz, Susanne Görner, Sonja Güntner, Mike Hill, Claudia Linke, Ute Mahling, Bernhard Schneider, Klaus Stirn.